Miene Waziri: Wer sie ist, was sie schrieb und was daraus gemacht wurde

Miene Waziri war von September 2014 bis November 2015 Landessprecherin der Grünen Jugend Schleswig-Holstein — zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig. Als sie am 29. Dezember 2018 auf Twitter einen Satz schrieb, in dem sie sich wünschte, Deutschland wäre im Zweiten Weltkrieg vollständig zerbombt worden, war sie seit fast zwei Jahren kein Mitglied der Grünen mehr. Die Deutsche Presse-Agentur prüfte die viralen Behauptungen rund um diesen Tweet im September 2021 zweimal und kam in beiden Fällen zu demselben Ergebnis: irreführend.

Miene Waziri im Kurzüberblick

MerkmalInformation
NameMiene Waziri
Bekannt durchEhemalige Landessprecherin der Grünen Jugend Schleswig-Holstein
Amtszeit2014–2015
ParteiaustrittSpätestens Anfang 2017
StudienortJohannes Gutenberg-Universität Mainz
Bekanntes EreignisTweet vom 29. Dezember 2018
Faktenchecksdpa (2021), Mimikama
StandJuni 2026

Familie in Malente, dokumentierte Wurzeln in Ostholstein

Die Familie Waziri stammt aus Afghanistan und lebt in Malente, einer Kleinstadt im Kreis Ostholstein mit rund 10.000 Einwohnern. Die Ostholsteiner Zeitung berichtete 2012 über die Familie im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest, ein Bericht, der die Familie als Teil des lokalen Lebens in Holstein zeigte.

Ein Familienmitglied, Khaled Waziri, veröffentlichte 2014 mehrere Artikel im Ostholsteiner Anzeiger. Darunter „Khaled Waziri berichtet aus Afghanistan: Kandahar — Symbol der Geschichte Afghanistans“ vom 5. Juni 2014 sowie „Afghanen lassen sich nicht einschüchtern“ vom 5. Mai 2014. Am 30. April 2020 berichtete derselbe Ostholsteiner Anzeiger unter dem Titel „Corona-Drama in Afghanistan: Familie Waziri aus Malente organisiert Hilfsaktion für Menschen in ihrer ehemaligen Heimat“ über eine Spendeninitiative der Familie während der Coronapandemie.


Landessprecherin mit 16 oder 17 Jahren, Austritt in drei Schritten

Im September 2014 übernahm Miene Waziri das Amt der Landessprecherin der Grünen Jugend Schleswig-Holstein. Die dpa bestätigte, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig war. Die Grüne Jugend SH gab die Wahl auf ihrer offiziellen Website bekannt.

Am 19. November 2015 wählte die Organisation auf ihrer Landesmitgliederversammlung einen neuen Landesvorstand. Waziri war darin nicht mehr vertreten, wie der offizielle Beitrag auf gruenejugend-sh.de dokumentiert.

Ihr vollständiger Austritt aus der Partei verlief in Schritten. Noch 2016 erscheint ihr Name in einem internen Delegiertenwahl-Dokument der Bundespartei, das die dpa in ihrer Faktenprüfung als Beleg heranzog. Spätestens Anfang 2017 hatte sie die Grünen vollständig verlassen, bestätigt durch den Grünen-Landesverband Schleswig-Holstein gegenüber der dpa auf direkte Anfrage.


Nach ihrem Austritt zog Waziri nach Mainz und schrieb sich an der Johannes Gutenberg-Universität ein, wo sie Soziologie studierte. Bei der Wahl zum 68. Studierendenparlament im Mai 2017 kandidierte sie auf Listenplatz 1 der Linken Liste (LiLi), einem Wahlbündnis aus dem Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverband Mainz (SDS) und der Kritischen Linke (KriLi). Diese Angaben stammen aus der offiziellen Wahlzeitung des 68. Studierendenparlaments der JGU Mainz. Mit den Grünen hatte die LiLi keine Verbindung.

Bei den Senatswahlen der Universität im Januar 2019 war Waziri erneut in der Mainzer Campuspolitik aktiv, dokumentiert durch campus-mainz.net, eine Quelle, die die dpa in ihrer Faktenprüfung direkt verlinkte. Ihr politischer Weg nach dem Austritt aus den Grünen führte also nicht in die Stille, sondern weiter nach links — ohne Parteianbindung, auf universitärer Ebene.


Der Tweet vom 29. Dezember 2018

Am 29. Dezember 2018 schrieb Waziri auf Twitter, unter dem Accountnamen La Pensadora (spanisch für: Die Denkerin), folgenden Satz:

„Ich wünschte Deutschland wäre im zweiten Weltkrieg vollständig zerbombt worden. Dieses Land verdient keine Existenzberechtigung.“

Sie löschte ihn noch am selben Abend. Bevor sie das tat, wurde der Tweet auf archive.li gesichert — die dpa verwies in beiden Faktenchecks vom September 2021 auf dieses Archiv als primären Beleg für den Wortlaut des Originals. Eine öffentliche Erklärung dazu hat Waziri bis heute nicht abgegeben.


Was aus dem Tweet gemacht wurde: falsche Zuordnung, fremde Worte, veränderter Wortlaut

Ab dem 3. Januar 2019 tauchte ein Screenshot des Tweets auf mehreren rechten Blogs auf — zuerst auf Die Unbestechlichen, dann auf philosophia-perennis.com, kurz darauf auf JournalistenWatch. Alle drei bezeichneten Waziri als aktive Grünen-Politikerin. Das stimmte nicht: Sie war zu diesem Zeitpunkt seit fast zwei Jahren aus der Partei ausgetreten, wie der Grünen-Landesverband SH gegenüber der dpa bestätigte.

In denselben Sharepics kursierte ein zweiter Tweet, der Waziri zugeschrieben wurde. Darin hieß es sinngemäß, sie wolle alle Weißen mit einem Besen aus Afrika fegen. Dieser Tweet stammte nicht von Waziri. Er stammte von der damaligen Bundessprecherin der Grünen Jugend — einer anderen Person. Die österreichische Faktencheck-Organisation Mimikama stellte das in ihrer Überprüfung der kursierenden Grünen-Zitatesammlung fest und bewertete die Waziri betreffenden Einträge mit dem Urteil „Vorsicht.“

Dazu kam eine Veränderung im Wortlaut des ersten Tweets. Waziri hatte geschrieben, Deutschland verdiene keine Existenzberechtigung. In den Sharepics lautete die Version: Deutschland habe keine Existenzberechtigung. Wie die dpa in beiden Faktenchecks vom September 2021 dokumentierte, ist dieser Unterschied inhaltlich und juristisch relevant — „verdient“ ist eine normative Aussage, „hat“ eine Tatsachenbehauptung.

Was an den kursierenden Versionen nachweislich falsch war:

  • Waziri war zum Zeitpunkt des Tweets keine aktive Grünen-Politikerin mehr, bestätigt durch den Grünen-Landesverband SH gegenüber der dpa
  • Der zweite Tweet stammte von der damaligen Bundessprecherin der Grünen Jugend, nicht von Waziri, festgestellt durch Mimikama
  • Die Formulierung des Originals wurde in der Verbreitung verändert, dokumentiert durch die dpa

April 2021: Der Tweet im Deutschen Bundestag

Bereits vor dem viralen Wiederaufleben im Wahlkampf, am 15. April 2021, zitierte Fabian Jacobi, Bundestagsabgeordneter der AfD für Nordrhein-Westfalen, den Tweet im Plenum des Deutschen Bundestages. Er nutzte ihn in der 221. Sitzung der 19. Wahlperiode als Beleg dafür, was Vertreter der Grünen angeblich dächten.

Was er dabei nicht erwähnte:

  • Waziri war seit Jahren kein Mitglied der Grünen mehr, als sie den Tweet schrieb
  • Der zweite in diesem Zusammenhang gemeinte Tweet stammte von einer anderen Person
  • Die Formulierung, die in den Sharepics kursierte, wich vom Original ab

Das Plenarprotokoll der 221. Sitzung, 19. Wahlperiode, ist beim Deutschen Bundestag öffentlich zugänglich. Eine formelle Berichtigung dieses Eintrags hat nie stattgefunden.


September 2021: Neuauflage im Bundestagswahlkampf, zwei Faktenchecks in vier Tagen

Knapp drei Jahre nach dem Tweet, im September 2021, kursierten dieselben Sharepics erneut auf Facebook — diesmal mit erheblich größerer Reichweite. Die Grünen lagen in den Umfragen zur Bundestagswahl zu dieser Zeit auf einem historischen Höchstwert.

Die Deutsche Presse-Agentur veröffentlichte daraufhin zwei separate Faktenchecks:

Beide Prüfungen kamen zum selben Ergebnis: Die Darstellung, Waziri sei eine aktive Grünen-Politikerin gewesen, die diesen Tweet verfasst habe, ist irreführend. Auch Mimikama bewertete die kursierenden Inhalte als „teilweise richtig“ und stufte die Waziri betreffenden Teile gesondert als „Vorsicht“ ein.

Dass die dpa innerhalb von vier Tagen zwei separate Faktenchecks zu demselben Fall veröffentlichte, zeigt, wie weit die Sharepics im Vorfeld der Bundestagswahl vom 26. September 2021 gestreut wurden.


Was die Faktenchecks beantworten und was sie nicht beantworten

Die dpa-Faktenchecks klären, ob die viralen Behauptungen über Waziri zutreffen. In den wesentlichen Punkten tun sie das nicht: falsche Parteiangabe, falsche Tweet-Zuschreibung, veränderter Wortlaut.

Was die Faktenchecks nicht beantworten, ist die Frage nach dem Tweet selbst. Warum schrieb jemand, der als Kind einer Familie in Malente aufwuchs, die Weihnachten feierte und 2020 Coronahilfe für Afghanistan organisierte, diesen Satz? Waziri hat sich dazu nie öffentlich geäußert — kein Statement, kein Interview, keine Reaktion auf die Kampagne von 2019 oder die Sharepic-Welle von 2021.

Die Desinformationskampagne hat die Behauptungen über Waziri so vollständig überlagert, dass die Frage nach dem Hintergrund des Tweets in der öffentlichen Debatte kaum mehr gestellt wurde. Die Korrekturen haben das Falsche richtiggestellt. Den Menschen dahinter haben sie nicht sichtbar gemacht.


Das Plenarprotokoll der 221. Sitzung der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, in dem Fabian Jacobi den Tweet zitierte, ist ein dauerhafter Teil des offiziellen parlamentarischen Archivs. Eine formelle Berichtigung, wie sie bei nachweislich falschen Angaben im Protokoll beantragt werden kann, hat bis heute nicht stattgefunden.


Marco Koehler
Marco Koehlerhttps://newzire.de/
Ich bin Marco Koehler, Journalist aus Berlin und Gründer von Newzire. Mein Handwerk habe ich in den Redaktionen mehrerer lokaler und regionaler Verlage gelernt, wo ich rund acht Jahre lang in nahezu jedem Ressort gearbeitet habe, von Kommunalpolitik und Gerichtsberichten über Wirtschaft und Sport bis zu Reportagen über bekannte Persönlichkeiten. Bei Newzire setze ich diese Bandbreite fort: Politik und Wirtschaft, Sport und Tagesaktuelles aus Deutschland und der Welt, dazu Society und Boulevard, Lifestyle, Kultur und die gesellschaftlichen Debatten, die das Land gerade beschäftigen. Die Seite ist am 14. Mai 2026 online gegangen. Ich verantworte sie als Chefredakteur und Hauptautor, unterstützt von einem festen Team aus Redakteurinnen, Redakteuren und Rechercheuren, die Quellen prüfen und Fakten gegenlesen, bevor ein Beitrag erscheint. Mein Grundsatz beim Schreiben ist über die Jahre der gleiche geblieben: erst die Quelle, dann die Geschichte.

Weitere Artikel

Kommentare

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Meistgelesen