Gunther Wosylus baute das erste Privatstudio der DDR

Gunther Wosylus saß zehn Jahre lang am Schlagzeug der Puhdys, der erfolgreichsten Rockband der DDR. Seine wichtigste Spur hinterließ der gebürtige Berliner aber nicht auf der Bühne, sondern im Studio. Er baute das erste private Tonstudio des Landes und produzierte dort einen der größten Hits der DDR-Geschichte.

Die Puhdys-Jahre kennen viele. Was nach seinem Ausstieg 1979 kam, steht dagegen in kaum einem Porträt.



Steckbrief: Gunther Wosylus auf einen Blick

Geboren22. Dezember 1945 in Berlin
Bekannt alsSchlagzeuger der Puhdys (1969 bis 1979)
DavorMitgründer des Modern Septett, später Modern Soul Band
DanachErstes privates Tonstudio der DDR, Produzent, Radiomacher
Ab 1984In Hamburg, Aufbau von Studios und Radiosendern im Westen

Bevor die Puhdys kamen: Soul aus Ost-Berlin

Im Juli 1968 gehörte Wosylus zur Gründungsbesetzung des Modern Septett in Ost-Berlin. Geprobt wurde im Jugendclub Freundschaft, nahe dem heutigen Ostbahnhof.

Der Sound der Band fiel in der DDR auf:

  • Soul und Jazzrock statt Beat und Schlager
  • Coverversionen von Blood, Sweat & Tears und Chicago
  • zeitweise die einzige DDR-Band, die diesen Stil spielte

Als Wosylus 1969 zu den Puhdys wechselte, benannte sich die Gruppe in Modern Soul Band um. Für ihn kam Karl-Jürgen Rath ans Schlagzeug.

Zehn Jahre am Schlagzeug der Puhdys

Mit der Profilizenz von 1969 begann die offizielle Geschichte der Puhdys. Wosylus war Teil der bekannten Stammbesetzung:

  • Dieter „Maschine“ Birr (Gesang, Gitarre)
  • Dieter „Quaster“ Hertrampf (Gitarre)
  • Peter „Eingehängt“ Meyer (Keyboard)
  • Harry Jeske (Bass)
  • Gunther Wosylus (Schlagzeug)

Das erste Konzert am 19. November 1969 im Freiberger Tivoli gilt bis heute als Geburtsstunde der Band. Den Durchbruch brachte 1973 der DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula“. Wosylus spielte das Schlagzeug auf dem kompletten Soundtrack, unter anderem bei „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“. Der Film zog rund drei Millionen Zuschauer an und machte die Puhdys zur erfolgreichsten Rockband der DDR.

In seinem Jahrzehnt entstanden einige der bekanntesten Puhdys-Titel, darunter „Alt wie ein Baum“, „Lebenszeit“ und „Perlenfischer“. „Alt wie ein Baum“ von 1976 wurde zum Mitsing-Klassiker und oft mehrmals an einem Abend gespielt. 1976 saß Wosylus am Schlagzeug, als die Puhdys als erste DDR-Rockband in Westdeutschland auftraten, in der Hamburger Fabrik.

Auf dem West-Cover des Albums „Heiß wie Schnee“ von 1980 war Wosylus übrigens noch zu sehen, obwohl er die Band bereits 1979 verlassen hatte.

1979: Ausstieg statt Weitermachen

Nach dem Live-Doppelalbum aus dem Friedrichstadtpalast war 1979 Schluss. Müde vom Dauertouren gab Wosylus die Sticks ab. Sein Nachfolger wurde Klaus Scharfschwerdt von der Gruppe Prinzip.

Aus der Branche verschwand er deshalb nicht. Er blieb in der DDR und wurde Unternehmer.

Das erste private Tonstudio der DDR

Wosylus baute das „Tonstudio Kagel“, das erste privat betriebene Aufnahmestudio der DDR. In einem Staat mit voller Kontrolle über die Musikproduktion war das eine Ausnahme:

  • ein staatliches Label (Amiga)
  • ein staatliches Rundfunksystem
  • keine private Konkurrenz

Er kämpfte sich durch die Behörden, bis das Studio eine offizielle gewerbliche Zulassung bekam. Seine Aufnahmen liefen in DDR-Fernsehsendungen wie „Rund“, „Sprungbrett“ und „Bong“. Auch Bands der zweiten Generation wie Rockhaus und Perl produzierte und betreute er hier.

Wie genau der Staat hinsah, zeigt das Bundesarchiv: Dort liegen zwei Aktenbände des Ministeriums für Kultur über Wosylus, das Tonstudio Kagel und den Texter Burghard Lasch. Nebenbei moderierte er eine Radiosendung gemeinsam mit Dieter Birr.

„Zeit, die nie vergeht“: Der Hit aus dem Privatstudio

1984 nahm die Amateurband Perl rund um Sänger Michael Barakowski drei Titel in Wosylus‘ Studio auf. Einer davon: „Zeit, die nie vergeht“. Wosylus produzierte die Aufnahmen und schrieb an den Texten mit.

Das Ergebnis:

  • Platz 1 der DDR-Jahreshitparade 1985
  • rund 700.000 verkaufte Exemplare
  • einer der erfolgreichsten DDR-Titel der Achtziger

Vor allem aber war es der erste DDR-Hit, der nicht beim staatlichen Rundfunk oder bei Amiga entstand, sondern in einem Privatstudio. Der Staat spielte das Lied rauf und runter im eigenen Radio, ohne dass die meisten Hörer wussten, wo es aufgenommen worden war.

Hamburg, Radiosender und späte Auftritte

1984 verließ Wosylus die DDR und ging nach Hamburg. Sein Wissen nahm er mit. Nach eigenen Angaben baute er in den Jahrzehnten danach 22 private Radiostationen in Nordrhein-Westfalen auf und richtete mit seiner Firma Acoustic & Sound Design mehrere Tonstudios ein.

Ganz von der Bildfläche verschwand der Schlagzeuger nie:

  • Im November 2019 kam er zum 50-jährigen Puhdys-Jubiläum nach Rostock, an der Seite von Gründungsmitglied Harry Jeske. Dieter Birr und Klaus Scharfschwerdt fehlten, mitten in einem Streit um Urheberrechte.
  • Im Frühjahr 2025 kündigte Perl-Schlagzeuger Sven Hertrampf an, dass Wosylus beim Festival „Klassentreffen der Ostmusik“ in Neuruppin wieder mit auf die Bühne sollte, mit genau dem Hit, den er einst produziert hatte.

Am 22. Dezember 2025 wurde der gebürtige Berliner 80 Jahre alt.

Mehr als nur ein Drummer

Die meisten kennen Wosylus als Schlagzeuger einer Kultband. Den größeren Einfluss auf die DDR-Musikgeschichte hatte aber seine Arbeit danach. Er baute das erste private Tonstudio des Landes und produzierte dort einen Nummer-eins-Hit, an der staatlichen Musikindustrie vorbei.


Marco Koehler
Marco Koehlerhttps://newzire.de/
Ich bin Marco Koehler, Journalist aus Berlin und Gründer von Newzire. Mein Handwerk habe ich in den Redaktionen mehrerer lokaler und regionaler Verlage gelernt, wo ich rund acht Jahre lang in nahezu jedem Ressort gearbeitet habe, von Kommunalpolitik und Gerichtsberichten über Wirtschaft und Sport bis zu Reportagen über bekannte Persönlichkeiten. Bei Newzire setze ich diese Bandbreite fort: Politik und Wirtschaft, Sport und Tagesaktuelles aus Deutschland und der Welt, dazu Society und Boulevard, Lifestyle, Kultur und die gesellschaftlichen Debatten, die das Land gerade beschäftigen. Die Seite ist am 14. Mai 2026 online gegangen. Ich verantworte sie als Chefredakteur und Hauptautor, unterstützt von einem festen Team aus Redakteurinnen, Redakteuren und Rechercheuren, die Quellen prüfen und Fakten gegenlesen, bevor ein Beitrag erscheint. Mein Grundsatz beim Schreiben ist über die Jahre der gleiche geblieben: erst die Quelle, dann die Geschichte.

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