Im Februar 2022 übernahm das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München ein Familienarchiv, das zwei Schauspielerleben dokumentiert, die kaum unterschiedlicher hätten verlaufen können. Eines davon kennt heute fast jeder in Bayern: Gustl Bayrhammer, bekannt als Meister Eder und als Kommissar im Münchner Tatort. Das andere ist sein Vater Max Bayrhammer, ein Hofschauspieler, der dreißig Jahre lang von München bis Sankt Petersburg auf großen Bühnen stand und dessen letzte Lebensjahre von Geldnot und politischer Vereinnahmung geprägt waren.
Wer heute nach Max Bayrhammer sucht, findet meist nur einen Nebensatz in der Biografie seines Sohnes. Seine eigene Geschichte verdient mehr als das.
Inhaltsverzeichnis
Herkunft und erste Schritte auf der Bühne
Max Emanuel Bayrhammer kam am 26. Mai 1867 auf Schloss Baumgarten zur Welt, im damaligen Bezirksamt Pfarrkirchen in Niederbayern. Sein Vater Adolph arbeitete dort als Gutsverwalter, seine Mutter Henriette stammte aus der Familie Schilcher. Mit 18 Jahren entschied er sich gegen ein Leben auf dem Land und für die Schauspielerei.
Unterricht erhielt er bei Heinrich Richter, einem gebürtigen Berliner und ehemaligen k.k.-Hofschauspieler, der zu dieser Zeit bereits 67 Jahre alt war. 1888 stand Bayrhammer zum ersten Mal auf einer Bühne, in Hanau, einer Stadt ohne große Theatertradition. Von dort aus arbeitete er sich in den folgenden Jahren durch fast alle bedeutenden Theaterstädte des deutschsprachigen Raums.
Stationen einer klassischen Bühnenkarriere
Sein Weg führte ihn zunächst an das Gärtnerplatztheater in München, danach an das Deutsche Privattheater in St. Petersburg und an das Weimarer Hoftheater. Am Stadttheater Breslau übernahm er bereits mit 25 Jahren zentrale Rollen, ein ungewöhnlich früher Sprung für einen Schauspieler, der erst wenige Jahre zuvor in der hessischen Provinz debütiert hatte.
Anschließend wechselte er ans Volkstheater Wien. Den längsten Abschnitt seiner Karriere verbrachte er aber in Frankfurt am Main. Von 1901 bis 1913 war er als Charakterdarsteller am Schauspielhaus Frankfurt engagiert, einem der angesehensten Häuser seiner Zeit.
Sein Debüt dort gab er als Franz Moor in Schillers „Die Räuber“. Er arbeitete unter Regisseuren wie Woldemar Runge, Karlheinz Martin und Fritz Odemar senior. Parallel zur Bühnenarbeit unterrichtete er als Dozent an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt, einer Ausbildungsstätte mit internationalem Ruf.
Zu seinem klassischen Repertoire zählten unter anderem diese Rollen:
- Shylock im „Kaufmann von Venedig“
- Jago in „Othello“
- Wurm in Schillers „Kabale und Liebe“
- Mephisto in „Faust“
- König Lear
- Franz Moor in „Die Räuber“
- Cyrano de Bergerac
Laut dem zeitgenössischen Theaterlexikon von Ludwig Eisenberg aus dem Jahr 1903 hatte er um die Jahrhundertwende bereits knapp 200 Rollen gespielt, ein Repertoire, das ihn unter die ernstzunehmenden Charakterdarsteller seiner Generation einreihte.
Der wirtschaftliche Abstieg nach 1918
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs änderte sich die Lage für Bayrhammer deutlich. Die Engagements an den großen Häusern blieben aus. Laut einer offiziellen Mitteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs wurden die Rollenangebote für ihn ab den frühen 1920er Jahren spürbar weniger.
Was folgte, dokumentiert das Archiv mit wenigen, klaren Sätzen: Bayrhammer trat fortan bei Veranstaltungen der NSDAP als Unterhalter auf. Nach 1933 folgten Auftritte bei der NS-Organisation „Kraft durch Freude“. Sein letztes reguläres Engagement fand er beim Bayerischen Nationaltheater unter Intendant Alexander Golling, mit einem gering dotierten Bühnenvertrag, wie das Archiv festhält.
Ein erhaltener Theaterzettel aus dem Jahr 1920 belegt ein Gastspiel am Stadttheater Ulm in Ibsens „Gespenster“. Bayrhammer sammelte solche Programmzettel sein gesamtes Berufsleben. Heute liegen sie im Familienarchiv, zusammen mit den Unterlagen seines Sohnes.
Max Bayrhammer starb am 15. April 1942 in München im Alter von 74 Jahren. Bis kurz vor seinem Tod stand er auf der Bühne.
Sein Sohn Gustl wählte einen anderen Weg
Gustl Bayrhammer wurde am 12. Februar 1922 in München geboren. Nach mehreren biografischen Quellen wollte er schon als Kind Schauspieler werden, nachdem er seinem Vater zuhause beim Deklamieren zugehört hatte.
Sein Vater war davon wenig begeistert. Er bestand darauf, dass Gustl zunächst das Realgymnasium bis zur mittleren Reife besuchte und anschließend eine kaufmännische Ausbildung an der Münchner Handelsschule abschloss. Ein Vater, der die wirtschaftliche Unsicherheit des Schauspielerberufs aus eigener Erfahrung kannte, wollte seinem Sohn offenbar einen anderen Weg ermöglichen.
Gustl Bayrhammer setzte sich am Ende trotzdem durch. 1940 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Während seiner Stationierung in Berlin ließ er sich an der Schauspielschule des Schillertheaters ausbilden, unter anderem bei Heinrich George.
Nach dem Krieg begann seine eigentliche Karriere. Sie führte ihn über Sigmaringen, Augsburg, Karlsruhe und die Luisenburg-Festspiele schließlich 1967 nach München. Dort wurde er zu einem der bekanntesten Volksschauspieler Bayerns, vor allem als Meister Eder in „Meister Eder und sein Pumuckl“ und als Kommissar Melchior Veigl im Münchner Tatort.
Vater und Sohn standen für zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, was einen Schauspieler in Deutschland erfolgreich macht. Max gehörte zur Welt der Hof- und Staatstheater und des klassischen Repertoires. Gustl wurde bekannt mit Rollen, die bodenständig und volksnah waren, weit entfernt von Shylock und König Lear.
Das Familienarchiv im Hauptstaatsarchiv
Im Februar 2022 übernahm das Bayerische Hauptstaatsarchiv das vollständige Familienarchiv Bayrhammer. Es enthält persönliche Dokumente, Auszeichnungen und Erinnerungsstücke beider Männer, die bis in das Jahr 1870 zurückreichen.
Vater und Sohn dokumentierten ihre Laufbahn auf sehr unterschiedliche Weise. Max Bayrhammer sammelte Theaterzettel und Bühnenprogramme, sodass sich sein beruflicher Weg bis heute lückenlos nachzeichnen lässt. Gustl Bayrhammer führte über jede einzelne seiner Rollen Buch, von seinem ersten Auftritt am Theater Sigmaringen im November 1945 bis zu seinem letzten Auftritt im Januar 1993 in München, ergänzt durch sorgfältig angelegte Fotoalben.
Max Bayrhammer war auch schriftstellerisch aktiv. Er veröffentlichte die Humoresken-Sammlung „Erlebnisse eines Wandermimen“ im Jahr 1902 sowie den Schwank „Die sturmfreie Bude“ im Jahr 1908. Laut dem Hauptstaatsarchiv sind seine Leistungen als Autor von Bühnenstücken heute weitgehend vergessen.
Der Eintrag zu Bayrhammer im Frankfurter Personenlexikon, verfasst von der Historikerin Sabine Hock, nennt neben seinem Bühnendebüt als Franz Moor auch seine beiden literarischen Werke und bestätigt damit unabhängig von den Wikipedia- und Archivquellen die zentralen Stationen seiner Frankfurter Jahre.
Häufige Fragen
War Max Bayrhammer mit Gustl Bayrhammer verwandt?
Ja. Er war der Vater von Gustl Bayrhammer, dem späteren Darsteller von Meister Eder.
An welchen Theatern hat er gespielt?
Unter anderem am Gärtnerplatztheater München, am Stadttheater Breslau, am Weimarer Hoftheater, am Volkstheater Wien, am Deutschen Privattheater St. Petersburg und von 1901 bis 1913 am Schauspielhaus Frankfurt.
Wann ist er gestorben?
Am 15. April 1942 in München, im Alter von 74 Jahren.
Wo befindet sich der Nachlass heute?
Das Familienarchiv mit den Unterlagen von Max und Gustl Bayrhammer liegt seit Februar 2022 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München.
Quellen: Bayerisches Hauptstaatsarchiv (Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns) · Frankfurter Personenlexikon (Sabine Hock) · Wikipedia

