Brigitte Reinhardt: Erste Direktorin des Museum Ulm und ihr Erbe

Brigitte Reinhardt leitete das Museum Ulm von 1990 bis 2009, neunzehn Jahre lang, als erste Frau in dieser Position. Im Herbst 2025 wurde die heutige Direktorin Stefanie Dathe in der Schwäbischen Zeitung nach den wichtigsten Kapiteln in hundert Jahren Museumsgeschichte gefragt. Sie nannte Reinhardts 23-teilige Ausstellungsreihe zu Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Keinen anderen Namen, kein anderes Projekt.

Das Museum befindet sich gerade in der Sanierung, kurz vor der Wiedereröffnung. Und der Name einer Direktorin, die das Haus vor über fünfzehn Jahren verlassen hat, taucht als Maßstab auf. Was sie dort aufgebaut hat, was davon geblieben ist und was nicht, ist die eigentliche Geschichte.



Zehn Jahre Stuttgart, neunzehn Jahre Ulm

NameDr. Brigitte Reinhardt
Geboren1944
FachgebietKunstgeschichte
1980 bis 1990Kuratorin und stellvertretende Direktorin, Galerie der Stadt Stuttgart
1990 bis 2009Direktorin, Museum Ulm
BesonderheitErste Frau in dieser Position in der Geschichte des Museums
Ausstellungen189 zwischen 1990 und 2009
Ausstellungsreihe23 Ausstellungen zu Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts
VerlageHatje Cantz, Silberburg-Verlag, Süddeutsche Verlagsgesellschaft

Vor Ulm arbeitete die promovierte Kunsthistorikerin ein Jahrzehnt an der Galerie der Stadt Stuttgart, zuerst als Kuratorin, dann als stellvertretende Direktorin. In einem SDR-Rundfunkinterview vom 3. Juli 1990, heute im Landesarchiv Baden-Württemberg archiviert, sagte sie, der Wechsel nach Ulm sei aus einem konkreten Wunsch entstanden: die Geschicke eines Hauses selbst bestimmen, ein Museum selber prägen.

Das Museum, das sie vorfand, trug zwei starke Sammlungsachsen: eine bedeutende spätgotische und mittelalterliche Abteilung und die Stiftung Sammlung Kurt Fried mit internationaler Moderne. Reinhardt nahm beides, baute es aus und setzte ein eigenständiges zeitgenössisches Ausstellungsprogramm daneben.


Atlanta, 1989

Kurz bevor sie Direktorin wird, begleitet Reinhardt ein Gemälde von Otto Dix als Kurierin von Stuttgart ins High Museum of Art in Atlanta. Übergabe, Papierkram, fertig. Dann geht sie durch die anderen Säle.

In einem dieser Säle sieht sie Arbeiten einer Künstlerin, die in Deutschland bis dahin niemand kennt. Ida Applebroog, eine US-amerikanische Malerin und Konzeptkünstlerin, deren Bilder weibliche Erfahrung, gesellschaftliche Gewalt und Tabus direkt aufgriffen, war 1989 auf keiner deutschen Ausstellungswand zu finden.

Reinhardt beschloss in Atlanta: Falls sie jemals eine Museumsdirektorin werden sollte, käme diese Frau als Erste an die Wand. Ein Jahr später war sie in Ulm. Die Applebroog-Ausstellung 1991 eröffnete eine Reihe, die das Programm des Hauses für fast zwei Jahrzehnte mitbestimmte.


Eine Reihe für Künstlerinnen, die Deutschland nicht kannte

Reinhardt sprach öffentlich nie von Feminismus. Bei einem Gespräch im Januar 2024 am ZADIK, dem Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung der Universität Köln, sagte sie, sie habe den Feminismus nie offensiv vertreten, aber stets gelebt.

Das Programm sprach für sich. Die neun dokumentierten Stationen der Gesamtreihe:

JahrKünstlerinAusstellung
1991Ida ApplebroogIda Applebroog (Deutschland-Premiere)
1992Nancy SperoWoman Breathing, 5. April bis 31. Mai
1993Susanne MuelImmune for Life
1994Eva HesseDrawing in Space
1995Romane Holderried KaesdorfBilder
2000Tracey Moffattlaudanum
2002Kiki SmithEinzelausstellung
2004Carol RamaAppassionata
2006Karin KneffelVerführung und Distanz

Neun belegte Stationen einer Gesamtreihe von 23 Ausstellungen. Die restlichen Namen und Daten liegen in Museumsarchiven, die bislang nicht digitalisiert wurden.

Die Ausstellungen reisten weiter: Die Applebroog-Schau war danach im Bonner Kunstverein und in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin zu sehen. Kosten wurden geteilt, die Reichweite wuchs.

Die Münchener Galerie als Partner

Einen Teil dieser Arbeit organisierte Reinhardt gemeinsam mit der Barbara Gross Galerie in München. Das Muster war klar: Gross pflegte die Kontakte zu Künstlerinnen und deren Nachlassverwaltern, Reinhardt gab den institutionellen Rahmen. Acht von Gross vertretene Künstlerinnen tauchten in der Ulmer Reihe auf, darunter Applebroog, Spero und Smith.

Für die Eva-Hesse-Schau 1994 reisten beide 1993 gemeinsam nach Paris, um Barry Rosen, den Nachlassverwalter der 1970 verstorbenen Künstlerin, persönlich zu überzeugen, die Werke nach Ulm zu leihen. Der Katalog Drawing in Space erschien 1994 bei Hatje Cantz.


Der Kurt-Fried-Anbau, der Verbindungssteg und die Kataloge

1999 eröffnete Reinhardt den Anbau für die Stiftung Sammlung Kurt Fried. Kurt Fried hatte seine Sammlung 1978 der Stadt Ulm geschenkt, mit einer klaren Bedingung: ein eigenes Gebäude, eine dauerhafte Präsentation. Die Bedingung wartete zwanzig Jahre auf Erfüllung. Reinhardt lieferte den Bau.

Die Sammlung umfasst rund 440 Werke internationaler Moderne der 1950er bis 1980er Jahre, mit Arbeiten von Joseph Beuys, Roy Lichtenstein, Gerhard Richter, Mark Rothko und Andy Warhol.

In den letzten Jahren ihrer Amtszeit entstand der Verbindungssteg zur Kunsthalle Weishaupt, die 2007 eröffnet worden war. Damit waren städtisches Museum und eine der bedeutendsten Privatsammlungen moderner Kunst in der Region physisch miteinander verbunden.

Parallel erschienen über fast zwei Jahrzehnte Kataloge, Essays und Herausgeberschaften, vor allem beim Hatje Cantz Verlag. Vollständige wissenschaftliche Texte, keine Grußworte.


Was nach 2009 kam

Im November 2009 verabschiedete der damalige Ulmer Oberbürgermeister Gönner Reinhardt in den Ruhestand.

Was dann folgte, ist in der Schwäbischen Zeitung und der Stuttgarter Zeitung dokumentiert. Das Museum durchlief in kurzen Abständen mehrere Direktorenwechsel. Eine vom Gemeinderat beauftragte Studie beschrieb das Haus als eines mit dem Charme eines zu groß geratenen Heimatmuseums. Die Besucherzahlen sanken.

Die Werke, die Reinhardt in die Sammlung geholt hatte, hängen bis heute an den Wänden. Das kuratorische Programm, die Haltung dahinter, löste sich fast unmittelbar auf. Eine Direktorin kann eine Sammlung dauerhaft sichern, ihren kuratorischen Blick kann sie nicht sichern. Stabilität kehrte zurück, als Stefanie Dathe das Haus ab Ende 2019 übernahm.


Ulm 2026: Sanierung und Wiedereröffnung

Das Museum Ulm ist seit Januar 2024 für eine umfassende Sanierung geschlossen. Das Haus plant eine grundlegende Erneuerung, die bis 2029 abgeschlossen sein soll. Übergangsweise sind Teile der Sammlung in der Kunsthalle Weishaupt zugänglich, erreichbar über den Verbindungssteg, den Reinhardt noch baute.

Im Oktober 2025 feierte das Museum sein hundertjähriges Bestehen. Anlässlich des Jubiläums nannte Dathe Reinhardts Ausstellungstätigkeit ausdrücklich als herausragendes Kapitel in der Geschichte des Hauses. Die Reihe habe ein klares Statement gesetzt und sehr viel Aufmerksamkeit erregt, sagte sie der Schwäbischen Zeitung.

Im Januar 2024 sprach Reinhardt, heute Anfang 80, am ZADIK in Köln öffentlich über ihre Zeit in Ulm, gemeinsam mit Barbara Gross. Die Aufzeichnung des Gesprächs ist kostenfrei zugänglich. Die Werke, die sie in die Sammlung holte, hängen noch. Das Museum Ulm öffnet wieder.


Quellen: Schwäbische Zeitung · ZADIK / Universität Köln · Stuttgarter Zeitung · Museum Ulm · Hatje Cantz Verlag · Deutsche Digitale Bibliothek · Landesarchiv Baden-Württemberg (SDR-Archiv) · museum-digital Baden-Württemberg

Marco Koehler
Marco Koehlerhttps://newzire.de/
Ich bin Marco Koehler, Journalist aus Berlin und Gründer von Newzire. Mein Handwerk habe ich in den Redaktionen mehrerer lokaler und regionaler Verlage gelernt, wo ich rund acht Jahre lang in nahezu jedem Ressort gearbeitet habe, von Kommunalpolitik und Gerichtsberichten über Wirtschaft und Sport bis zu Reportagen über bekannte Persönlichkeiten. Bei Newzire setze ich diese Bandbreite fort: Politik und Wirtschaft, Sport und Tagesaktuelles aus Deutschland und der Welt, dazu Society und Boulevard, Lifestyle, Kultur und die gesellschaftlichen Debatten, die das Land gerade beschäftigen. Die Seite ist am 14. Mai 2026 online gegangen. Ich verantworte sie als Chefredakteur und Hauptautor, unterstützt von einem festen Team aus Redakteurinnen, Redakteuren und Rechercheuren, die Quellen prüfen und Fakten gegenlesen, bevor ein Beitrag erscheint. Mein Grundsatz beim Schreiben ist über die Jahre der gleiche geblieben: erst die Quelle, dann die Geschichte.

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