Thomas Bscher: Vom Bankier zum Rennfahrer und zurück

Thomas Bscher war in den neunziger Jahren persönlich haftender Gesellschafter der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim und fuhr in dieser Zeit fast täglich mit über 300 Stundenkilometern über die Autobahn zwischen Köln und Frankfurt, direkt zu seinem Büro. Aus dieser Zeit stammt sein Ruf als einer der wenigen deutschen Bankiers, die selbst international Rennen fuhren. Seit Oktober 2024 sitzt er in einer ähnlich verantwortungsvollen Position, als Aufsichtsratsvorsitzender der Eisen- und Hüttenwerke AG.



Steckbrief: Thomas Bscher im Überblick

KategorieAngabe
NameDr. Thomas Bscher
Geboren2. April 1952 in Marburg an der Lahn
FamilieEnkel des Bankiers Robert Pferdmenges
Frühere PositionPersönlich haftender Gesellschafter, Sal. Oppenheim (1986 bis 1995)
RennsportGesamtsieger BPR Global GT Series 1995 (McLaren F1 GTR, mit John Nielsen)
BugattiPräsident von Bugatti Automobiles (Dezember 2003 bis März 2007)
Aktuelle PositionAufsichtsratsvorsitzender, Eisen- und Hüttenwerke AG (seit Oktober 2024)
ImmobilienMehrere Häuser am Berliner Kurfürstendamm, Firmensitz in Köln

Der Bankier mit dem ungewöhnlichen Arbeitsweg

Classic Driver Magazine veröffentlichte während seiner Zeit als Bugatti-Präsident eine offizielle Biografie, der zufolge Bscher 1952 in Marburg an der Lahn geboren wurde und nach einer Banklehre ein Wirtschaftsstudium in Hamburg mit der Promotion abschloss.⁴ Von 1986 bis 1995 war er persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim in Köln, einem der letzten deutschen Häuser, in denen Bankiers mit ihrem privaten Vermögen für die Geschäfte des Hauses hafteten. Sein Großvater Robert Pferdmenges war persönlicher Berater von Konrad Adenauer und Teilhaber desselben Bankhauses, eine der bekanntesten Figuren der westdeutschen Nachkriegswirtschaft.

In dieser Zeit fuhr Bscher einen eigenen McLaren F1 mit der Chassisnummer 022, fast täglich von Köln nach Frankfurt. Als der Wagen zur Wartung ins Werk kam, lasen die Techniker eine aufgezeichnete Geschwindigkeit von über 320 Stundenkilometern aus, mehrfach in derselben Woche. Das Fachmagazin Hagerty bestätigte diese Geschichte später unter Berufung auf die Werksdaten von McLaren.⁵

Vom Hobby zur Weltspitze: die Rennkarriere

Parallel zu seiner Bankkarriere begann Bscher, in der BPR Global GT Series anzutreten. Zusammen mit dem befreundeten Rennfahrer Ray Bellm überzeugte er McLaren-Chef Ron Dennis davon, aus dem Straßensportwagen F1 eine Rennversion zu bauen, den F1 GTR. Die wichtigsten Stationen seiner Karriere im Überblick:

  • 1994: Einstieg in die BPR Global GT Series mit einem Porsche 968 Turbo RS
  • 1995: Gesamtsieger der BPR Global GT Series im McLaren F1 GTR, gemeinsam mit John Nielsen
  • 1998: Europameister der GT-Klasse mit Beifahrer Geoff Lees
  • 1999 bis 2000: Einsatz eines werksnahen BMW V12 LM, unter anderem beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans
  • Ende 2000: Rückzug aus dem internationalen Rennsport

1995: Der Ausstieg mitten im Erfolg

Bscher verließ Sal. Oppenheim in demselben Jahr, in dem er seinen größten sportlichen Erfolg feierte. In Kölner Bankenkreisen wurde der Schritt als teures Hobby eines wohlhabenden Mannes abgetan. Bis zum Jahr 2000 blieb er durchgehend im internationalen Motorsport aktiv, bevor er sich wieder der Industrie zuwandte, allerdings nicht ins Bankwesen zurück.

Bugatti: eine Berufung mit Logik

Ende 2003 berief der damalige Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder einen neuen Präsidenten für Bugatti Automobiles. Die Marke hatte seit Jahrzehnten kein eigenes Auto mehr gebaut. Ihr erstes neues Modell, der Veyron 16.4, sollte über 400 Stundenkilometer schnell werden und rund 1,2 Millionen Euro kosten.

Pischetsrieder wählte weder einen klassischen Ingenieur noch einen Manager aus der Luxusbranche, sondern Bscher, den ehemaligen Bankier und GT-Champion. Er leitete Bugatti Automobiles bis März 2007 und war zusätzlich Chairman von Bugatti International.

Der Absturz von Sal. Oppenheim und Bschers zweite Rolle

Während Bscher bei Bugatti Fahrzeuge jenseits der 400-Stundenkilometer-Marke verantwortete, geriet sein früheres Bankhaus in eine existenzbedrohende Lage. Über den Immobilienfonds Oppenheim-Esch, mitentwickelt mit dem Investor Josef Esch, war Sal. Oppenheim eng mit dem Handelskonzern Arcandor verflochten. Nach dessen Insolvenz wurde die Bank 2010 vollständig von der Deutschen Bank übernommen.

Laut Berichten der WirtschaftsWoche trat Bscher 2012 als Vertreter der ehemaligen Sal.-Oppenheim-Gesellschafter bei Gesellschafterversammlungen zum geplanten Verkauf des Fonds auf.¹ Es ging um mehrere hundert Millionen Euro und um Klagen zahlreicher Anleger. Der Mann, der die Bank Jahre zuvor verlassen hatte, um Rennen zu fahren, saß nun am Tisch, an dem ihr Erbe verhandelt wurde.

Ein Haus mit eigener Geschichte am Kurfürstendamm

Parallel zu seiner Wirtschaftskarriere baute Bscher ein Immobilienportfolio in Berlin auf, mit Schwerpunkt Kurfürstendamm. Im Frühjahr 2005 kaufte er das Haus Schlüterstraße 45, direkt an der Ecke zum Ku’damm. Das Gebäude selbst trägt eine Geschichte, die weit über Immobilienwirtschaft hinausgeht.

Errichtet wurde es 1912 für den jüdischen Unternehmer Robert Leibbrand. In den zwanziger und dreißiger Jahren zog dort die Fotografin Yva ein, bei der später Helmut Newton in die Lehre ging. 1942 wurde Yva deportiert und das Haus enteignet.

Ab den sechziger Jahren beherbergte es unter anderem das Hotel Bogotá, bis dessen Betreiber 2013 die Mietzahlungen einstellte und Bscher den Vertrag kündigte, wie der Tagesspiegel damals dokumentierte.² Seit 2016 ist das denkmalgeschützte Haus als Büro- und Geschäftshaus vermietet.

Zu seinem Portfolio am Kurfürstendamm gehören außerdem:

  • Das sogenannte Commerzbank-Haus an der Ecke Leibnizstraße
  • Das Haus Cumberland
  • Ein Neubau in der Schlüterstraße 44, direkt neben Hausnummer 45, dessen Fertigstellung für November 2026 geplant ist

Aufsichtsratsvorsitz seit 2024

Seit Oktober 2024 ist Bscher Vorsitzender des Aufsichtsrats der Eisen- und Hüttenwerke AG, einer Holding der Thyssenkrupp-Gruppe mit Sitz in Andernach.³ Das Unternehmen hält Beteiligungen an Weißblech- und Elektrobandherstellern und tritt öffentlich kaum in Erscheinung, anders als die Automarke, die Bscher zwei Jahrzehnte zuvor geleitet hatte.

Zwischen seiner ersten Position bei Sal. Oppenheim und seinem heutigen Aufsichtsratsvorsitz liegen fast vier Jahrzehnte, mehrere internationale Renntitel, der Umbau einer traditionsreichen Automarke und der Zusammenbruch seines früheren Bankhauses. Wer diese Stationen nebeneinanderlegt, sieht bei Bscher durchgehend dieselbe Bereitschaft, Verantwortung mit hohem persönlichen Risiko zu verbinden, ob am Steuer eines Rennwagens oder an der Spitze eines Aufsichtsrats.

Häufige Fragen zu Thomas Bscher

Wer ist Thomas Bscher?

Thomas Bscher ist ein deutscher Bankier, ehemaliger Rennfahrer und früherer Präsident von Bugatti Automobiles. Er wurde 1952 in Marburg an der Lahn geboren und ist der Enkel des Bankiers Robert Pferdmenges. Zwischen 1986 und 1995 war er persönlich haftender Gesellschafter bei Sal. Oppenheim in Köln.

War er wirklich als Rennfahrer aktiv?

Ja, und das auf internationalem Niveau. 1995 wurde er zusammen mit John Nielsen im McLaren F1 GTR Gesamtsieger der BPR Global GT Series. Bis zum Jahr 2000 startete er regelmäßig bei internationalen Langstreckenrennen, darunter beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Welche Rolle spielte er bei Bugatti?

Von Dezember 2003 bis März 2007 war Bscher Präsident von Bugatti Automobiles und Chairman von Bugatti International. In dieser Zeit verantwortete er die Markteinführung des Bugatti Veyron 16.4, des ersten neuen Modells der Marke seit Jahrzehnten.

Was macht Thomas Bscher heute?

Seit Oktober 2024 ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Eisen- und Hüttenwerke AG, einer Beteiligungsgesellschaft der Thyssenkrupp-Gruppe. Daneben verwaltet er ein Immobilienportfolio mit Schwerpunkt Berlin, unter anderem mehrere denkmalgeschützte Häuser am Kurfürstendamm.


Quellen:

  1. WirtschaftsWoche: Absturz einer Privatbank, Zoff ums Sal.-Oppenheim-Erbe
  2. Tagesspiegel: Schlüterstraße 45, Die kreative Geschichte inspiriert
  3. EQS-News: Personelle Veränderungen im Vorstand und Aufsichtsrat der Eisen- und Hüttenwerke AG
  4. Classic Driver Magazine: Dr. Thomas Bscher, Präsident von Bugatti Automobiles
  5. Hagerty Media: Debunking the Autobahn Myth
Marco Koehler
Marco Koehlerhttps://newzire.de/
Ich bin Marco Koehler, Journalist aus Berlin und Gründer von Newzire. Mein Handwerk habe ich in den Redaktionen mehrerer lokaler und regionaler Verlage gelernt, wo ich rund acht Jahre lang in nahezu jedem Ressort gearbeitet habe, von Kommunalpolitik und Gerichtsberichten über Wirtschaft und Sport bis zu Reportagen über bekannte Persönlichkeiten. Bei Newzire setze ich diese Bandbreite fort: Politik und Wirtschaft, Sport und Tagesaktuelles aus Deutschland und der Welt, dazu Society und Boulevard, Lifestyle, Kultur und die gesellschaftlichen Debatten, die das Land gerade beschäftigen. Die Seite ist am 14. Mai 2026 online gegangen. Ich verantworte sie als Chefredakteur und Hauptautor, unterstützt von einem festen Team aus Redakteurinnen, Redakteuren und Rechercheuren, die Quellen prüfen und Fakten gegenlesen, bevor ein Beitrag erscheint. Mein Grundsatz beim Schreiben ist über die Jahre der gleiche geblieben: erst die Quelle, dann die Geschichte.

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